Bei Pour-over-Kaffee lässt sich erstaunlich viel dem Zufall überlassen. Wie viele Bohnen brauche ich, wie viel Wasser, wie schnell soll ich aufgießen und wie lange soll die Zubereitung dauern? Guter Kaffee gelingt auch ohne ständiges Messen. Wer aber reproduzierbare Ergebnisse möchte, profitiert enorm von einer Waage mit Timer.
Deshalb habe ich mir die Maestri House S2 gekauft, eine Kaffeewaage mit integriertem Timer. Tatsächlich habe ich gleich zwei, eine zu Hause und eine im Büro. Für einen überschaubaren Preis nimmt sie mir viel Rätselraten ab, weil Gewicht und Zeit auf einem einzigen kompakten Gerät angezeigt werden.
Warum Waage und Timer wirklich sinnvoll sind
Ich bin ein kleiner Kaffee-Nerd (zumindest bilde ich mir das ein). Kaffee macht mir so viel Spaß, dass ich ihn immer besser zubereiten möchte. Wenn ich schon die Bohnen richtig mahle, passende Filter verwende und mit meinem Hario V60 Drip Kettle AIR sorgfältig aufgieße, möchte ich auch wissen, wie viel Kaffee und Wasser ich tatsächlich benutze.
Die Waage macht ein Rezept nachvollziehbar: Ich wiege die Dosis ab, kontrolliere die Wassermenge und kann die Zubereitung am nächsten Tag wiederholen. Den Timer finde ich aber genauso wichtig. Das Kaffeemehl verhält sich nicht jedes Mal identisch, und ich gieße auch nicht immer gleich schnell. Läuft das Wasser schneller oder langsamer durch, kann ich anhand der vergangenen Zeit die nächsten Aufgüsse anpassen, statt einfach zu hoffen.
Sobald ich die Waage verwende, nutze ich Gewicht und Timer zusammen. Im Büro verzichte ich manchmal aufs genaue Wiegen und orientiere mich für einen schnellen Kaffee an der Volumenskala der Hario AIR. Möchte ich mich aber wirklich an ein Rezept halten, gehören beide Messwerte dazu. Ich finde es sinnvoll, das Aufgießen zunächst mit Waage und Timer zu lernen, selbst wenn es später auch ohne klappt.
Würde eine normale Küchenwaage zusammen mit dem Handytimer reichen? Natürlich. Aber während man heißes Wasser über Kaffee gießt, mit zwei Geräten zu hantieren, ist unnötig nervig. Die S2 erspart mir genau das.

Einfache Bedienelemente, die funktionieren
Die S2 lässt sich unkompliziert bedienen. Rechts sitzt ein echter Ein-/Ausschalter; Gewicht und Timer steuere ich dagegen über glatte berührungsempfindliche Flächen.
Ein Antippen setzt das Gewicht auf null, und ebenso einfach starte oder pausiere ich den Timer. Standardmäßig bestätigt ein angenehmer kurzer Piepton die Eingabe. Ein mechanisches Klicken gibt es bei den Touchfeldern nicht.
Man muss die Fläche bewusst berühren, fast wie einen Fingerabdrucksensor. Das gefällt mir. Beim normalen Gebrauch ist schon Wasser auf die Waage gespritzt, ohne dass sich das Gewicht versehentlich zurückgesetzt oder der Timer verstellt hätte. Nicht jeder kleine Tropfen löst etwas aus.
Neben Gramm unterstützt sie weitere Maßeinheiten. Welche genau, kann ich nicht einmal sagen, weil ich mich damit nie beschäftigt habe. Einschalten, Kaffee in Gramm wiegen, fertig. Für meinen Bedarf war sie praktisch direkt aus der Verpackung einsatzbereit.
Oben liegt eine wirklich praktische abnehmbare Gummimatte. Sie hält Tassen und Brühgefäße stabil und schützt die Wiegefläche vor heißen Tassen und frisch aufgekochtem Wasser. Die Idee gefällt mir sehr. Leider entstehen auf dem weichen Gummi schon nach wenigen Einsätzen Tassenringe und Wasserflecken, wie auf meinem Foto zu sehen ist. Vollständig sauber bekommt man die Matte schwerer als die glatte, glasartige Fläche darunter. Kein Drama, aber wieder ein kleiner Grund, warum die S2 insgesamt nur durchschnittlich wirkt.

Genauigkeit, Laden und Akkulaufzeit
Die S2 zeigt das Gewicht in 0,1-g-Schritten an. Für meine Kaffeezubereitung reicht das völlig. Sicher gibt es teurere Waagen mit zusätzlichen Funktionen oder feinerer Auflösung, aber zum Wiegen einer normalen Portion Bohnen und des Wassers für einen Pour-over sehe ich dafür keinen Bedarf.
Geladen wird per USB-C, was grundsätzlich praktisch ist. Das mitgelieferte Kabel ist allerdings so lächerlich kurz, dass ich seinen Sinn kaum erkenne. Es wirkt außerdem ziemlich windig. Ich benutze lieber eines meiner vorhandenen USB-C-Kabel. Das ist nur eine Kleinigkeit, aber auf dieses beinahe nutzlose Zubehör hätte man auch verzichten können.
Beide Waagen benutze ich seit einigen Wochen gelegentlich und musste jede bisher nur einmal laden. Daraus lässt sich keine belastbare Aussage zur Laufzeit bei täglichem Dauereinsatz ableiten. Für mich reicht der Akku aber offensichtlich, denn ich muss kaum darüber nachdenken.
Genau so soll es sein. Wenn ich einfach nur Kaffee machen möchte, brauche ich kein weiteres Gerät, das ständig Aufmerksamkeit oder Ladestrom verlangt.
Sie ist okay, aber nichts Besonderes
Obwohl die S2 ordentlich funktioniert, vermittelt sie mir nicht dasselbe Vertrauen in die Verarbeitungsqualität wie einige meiner anderen Kaffeeprodukte. Meine Produkte von Hario beispielsweise wirken auf mich meist besonders durchdacht und gut verarbeitet. Bei der Maestri House stellt sich dieses Gefühl nicht ein.
Schlecht verarbeitet ist sie deshalb nicht. Sie fühlt sich in Ordnung an, die Bedienelemente funktionieren, und mit keiner meiner beiden Waagen hatte ich Probleme. Nur sticht weder das Design noch die Qualität besonders hervor. Im Grunde ist es eine ganz gewöhnliche kleine elektronische Waage mit Timer.
Ich habe sogar geschaut, ob ich mein Geld beim nächsten Kauf besser anlegen könnte. In der gleichen Preisklasse fand ich aber keine Alternative, die deutlich überzeugender wirkte. Die S2 begeistert mich nicht, doch ich sehe auch keinen guten Grund, sie gegen ein ähnliches Modell auszutauschen.
Sie ist okay. Und manchmal ist „okay“ eben alles, was man für sein Geld bekommt.
Die größte Einschränkung: eigentlich für eine Tasse
Die S2 ist extrem kompakt. Das ist zugleich ihr Vorteil und ihre größte Schwäche. Für eine einzelne Tasse mit meinem Hario V60 01 hat sie genau die richtige Größe. Sie nimmt kaum Platz ein und passt gut unter meinen normalen Aufbau.
Im Büro habe ich sie aber auch mit einer größeren Hario-Karaffe für mehrere Tassen benutzt. Dann wird es deutlich unpraktischer. Die Waage kann ungefähr 2 kg wiegen; am maximalen Gewicht liegt es also nicht. Die Auflagefläche ist einfach winzig. Eine größere Karaffe ragt über den Rand und verdeckt den Bildschirm teilweise. Das ist ziemlich unsinnig, wenn man das Gewicht eigentlich ablesen möchte.
Eine hohe maximale Tragkraft sagt eben wenig darüber aus, ob die Waage zu einem bestimmten Gefäß passt. Unter einer einzelnen Tasse ist die S2 bestens aufgehoben. Eine große Karaffe wirkt dagegen überdimensioniert, vor allem wenn ich beim Aufgießen zugleich Gewicht und Zeit beobachten möchte.
Wer regelmäßig mehrere Tassen zubereitet, sollte eine physisch größere Kaffeewaage in Betracht ziehen, etwa die Maestri House S3 Pour Over Coffee Scale with Timer. Sie zeigt zusätzlich unter anderem Brühverhältnisse und Durchflussraten an. Rückblickend wäre die S3 für das Büro womöglich die sinnvollere Wahl gewesen, während die kleine S2 zu Hause meine Einzeltassen wiegt. Selbst getestet habe ich die S3 allerdings nicht; das ist eine Überlegung, kein eigener Praxistest.
Fazit: vollkommen ausreichend, mehr aber auch nicht
Die Maestri House S2 erledigt, wofür ich sie gekauft habe. Sie wiegt in ausreichend kleinen Schritten, bietet einen nützlichen Timer, unkomplizierte Touchbedienung und USB-C. Die Gummimatte schützt gut, auch wenn sie sich nicht besonders gründlich reinigen lässt. Probleme mit der Zuverlässigkeit hatte ich bei keiner meiner beiden Waagen.
Beeindruckend finde ich die S2 trotzdem nicht. Sie vermittelt nicht dasselbe solide Qualitätsgefühl wie einige meiner anderen Kaffeeprodukte, und auch ihr Design hat nichts Besonderes. Selbst das beiliegende Kabel wirkt, als hätte jemand einfach entschieden, dass unbedingt eines in die Schachtel gehört.
Würde ich sie wieder kaufen? Vielleicht. Würde ich sie empfehlen? Ebenfalls vielleicht. Nicht weil sie schlecht wäre, sondern weil es auf die Zubereitung und die Erwartungen ankommt. Für eine Tasse und einen günstigen integrierten Timer ist sie eine vernünftige Wahl. Für größere Mengen würde ich definitiv eine größere Waage nehmen.
Bei ähnlich teuren Alternativen habe ich nichts entdeckt, das mir einen klar besseren Gegenwert verspricht. Das ist kein überschwängliches Lob, aber ein nachvollziehbarer Grund, bei meiner S2 zu bleiben.
Am Ende ist sie eine Waage mit Timer. Sie funktioniert, sie ist okay, und viel mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Vielleicht ist genau das alles, was man sich von einer Waage wünschen sollte. In meinem kleinen Kaffee-Sinfonieorchester spielt sie eben die Nebenrolle: Den großen Auftritt bekommt sie nicht, aber ihre Stimme gehört trotzdem dazu.